Heute vor 20 Jahren:
Union sichert Meistertitel und Aufstieg in die Regionalliga am viertletzten Spieltag
Heute vor 20 Jahren war dem 1. FC Union Berlin der Wiederaufstieg in die Regionalliga nicht mehr zu nehmen.
In die NOFV-Oberliga-Saison 2005/06 in der Staffel Nord des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes startete die Mannschaft favorisiert, aber nicht als einziger Anwärter auf den aufstiegbedeutenden ersten Tabellenplatz. Tennis Borussia Berlin, der SV Babelsberg 03 wie auch der MSV Neuruppin waren mit spielstarken Vertretungen in das Spieljahr in der vierthöchsten deutschen gegangen.
Regionalliga-Absteiger Union hatte bereits in der Hinrunde erfahren, dass selbst die vermeintlich schwachen Klubs in der Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern umfassenden höchsten Spielklasse des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes respektlos gegen den wohl ausstrahlungsstärksten Klub aufzutreten verstanden. Dem ersten Punktverlust bei Tennis Borussia war am dritten Spieltag in einem weiteren innerstädtischen Vergleich der höchste Saisonsieg, ein Heim-8:0 gegen den BFC Dynamo gefolgt, doch Spieltag sechs endete für die Unioner mit einer 2:3-Niederlage beim MSV Neuruppin. Die Nord-Brandenburger führten nach Abschluss der Hinrunde die Tabelle vor den Babelsbergern; Union lag mit drei Punkten Rückstand auf dem dritten Rang.
Während der Winterpause beendete der Klub am 9. Dezember 2005 die Zusammenarbeit mit Cheftrainer Frank Lieberam. „Die sportliche Entwicklung“, so die entsprechende Veröffentlichung zur Entscheidung von Präsidium und Aufsichtsrat des 1. FC Union, sei „nicht wie erwartet“ erfolgt, die Bilanz „nicht zufriedenstellend. Mit dem Traininmgsauftakt im Januar 2006 nahm mit Georgi Wassilev der Erfolgstrainer der frühen 2000er-Jahre – Aufstieg in die 2. Bundesliga, DFB-Pokalendspiel- und UEFA-Cup-Wettbewerbteilnahme – zum zweiten Mal die Arbeit auf den Plätzen an der Alten Försterei auf. Wie planmäßig siegte die Mannschaft unter seiner Trainingsleitung auswärts beim FV Motor Eberswalde mit 4:0 Treffern und eröffnete so Anfang des März inmitten eines wegen zahlreicher wetterbedingter Ausfälle und entsprechenden Verlegungen Spieltage-Durcheinanders eine Erfolgsserie mit neun – seltener aber deutlichen – Siegen in zehn Spielen.
Georgi Wassilew allerdings verließ die Unioner bereits per 6. April 2006 nach Unstimmigkeiten mit der sportlichen Leitung des Klubs. Die Trainingsarbeit leitete nun vom 7. April des Jahres Christian Schreier, der zuvor mit dem inzwischen in wirtschaftliche Probleme geratenen Konkurrenten MSV Neuruppin erfolgreiche Saison bestritten hatte.
Der formal 22. Spieltag führte die Mannschaft zum Tabellenletzten FC Anker nach Wismar, der seinen schließlichen Abstieg auch mit dem 1:0-Heimsieg nicht zu verhindern vermochte. Die Warnung vor den Ostseestädtern – „Die sind gut drauf. Wir dürfen nicht ausrutschen.“ – zitierte der „Berliner Kurier“ Union-Kapitän Jörg Schwanke zuvor noch.
„Eiserne so gut wie oben!“ allerdings hatte bereits zwei Spieltage zuvor Andreas Baingo seinen Text im selben Blatt zum 5:1-Heimsieg über den BFC Türkiyemspor überschrieben. „Wie losgelassen spielten die Eisernen den Gegner an die Wand.“ hieß es, und der Autor vermerkte auch, dass Tennis Borussia „Union noch Schützenhilfe“ geleistet habe, denn die Borussen hatten sich in Babelsberg mit 2:1 Toren erfolgreich gezeigt und den Brandenburgern so wesentliche drei Punkte im Aufstiegskampf verwehrt. Der Abstand zu den 03ern, dritter hinter Union und Neuruppin, betrug nun neun Punkte; der MSV hatte inzwischen vorsorgend auf die Teilnahme an der Regionalliga Nordost für das folgende Spieljahr verzichtet und keinen Antrag auf Lizenzerteilung gestellt.
Der SV Babelsberg 03, seine Aufstiegschancen seien „nur noch theoretischer Natur“, so Michael Färber in der „Berliner Morgenpost“, lief am fünftletzten der 30 Spieltage im Stadion An der Alten Försterei auf und „bot besonders in den ersten 45 Minuten eine ansprechende Leistung“, hielt Michael Hilscher in dieser Zeitung nach den Abpfiff in seinem Bericht fest. Union gewann durch Karim Benjaminas 1:0-Treffer in der 30. Minute, dem einzigen der Begegnung mit beiderseits schwacher zweiter Hälfte im Spitzenspiel. „Verkrampfung und Unsicherheit“ habe das Geschehen bestimmt, schrieb Michael Hilscher. Doch der Schiedsrichter habe die Fans mit dem Schlusspfiff erlöst und nun „glich die Alte Försterei einem Tollhaus.“ Beim „Berliner Kurier“ sparte der Spielberichtverfasser nicht mit a: „Jaaaa!“, Union sei nun der Aufstieg „nicht mehr zu nehmen“, und er verwies auf zwölf Punkte Vorsprung gegenüber den Babelsbergern und auf „das deutlich bessere Torverhältnis“. Plus 44 standen nun für Union zu Buche, zwölf dagegen für die Blau-Weißen aus der Havelstadt. Und die Zeitung versuchte, mit ihren Zeilen ihren Lesern die Stadiongesänge der Unioner ins Ohr zu bringen – „Oh, wie ist das schön …!“ Es galt zu feiern, an diesem Tag, und einen weiteren Tag später ging „Kurier“-Reporter Andreas Baingo auf zwei Festlichkeiten ein – auf die Party zum 19. Geburtstag des wegen Union-Stammtorhüter Jan Glinkers Erkrankung an diesem Spieltag erstmals aufgebotenen deutschen U-18-Auswahlspielers Michael Hinz und auf die Mannschafts-Siegfeier im Grünen. In Daniel Teixeiras Garten begingen die Unioner die froh stimmenden Ereignisse rund um einen Grill; der Torjäger Texas war nach seinen Erfolgen fünf Jahre zuvor – 2000/01 18 Torerfolge in 16 Spielen – wieder in seine Rolle bei Union eingetreten und stand aktuell in der Oberliga-Torschützenauflistung des Union-Stadionmagazins mit 22 Treffern vor seinem Kollegen Andreas Fricke, der 17 Mal getroffen hatte.
Auch ein erster kräftiger Hauch von Skandal wehte in diesen Tagen durch die Nordost-Staffel der vierten Liga, und die Berliner Zeitung machte in einer Meldung ihre Leser darauf aufmerksam, dass auf Initiative Tennis Borussias neben sechs weiteren Vereinen auch der 1. FC Union „eine kollektive Anzeige gegen unbekannt angekündigt“ habe: Hohe Einsätze auf Anker Wismar seien bei einem Wettanbieter aufgefallen beispielsweise zum Spiel des FC Anker gegen den Berliner AK, das mit einem 3:1-Heimsieg des Außenseiters beendet worden war. Nun waren „mögliche Spiel- und Wettmanipulationen“ Themen der Presse-Berichterstattung neben dem Vorausblick auf das Union-Heimspiel am Abend unter Flutlicht gegen den SV Falkensee-Finkenkrug aus dem Berliner Umland in Brandenburg.
„… und die Försterei soll tanzen“ forderte am Spieltag Andreas Baingo im „Berliner Kurier“ mit groß gesetzter Überschrift vorfreudig, und der Union-Experte bestand darauf, dass „nur Zahlenakrobaten und Tore-Verdreher“ Unions Aufstieg „noch nicht als perfekt“ ansehen könnten. „Eine erste kleine Aufstiegsparty“ sei angekündigt, aber mit Hinweis auf die drei noch anstehenden Begegnungen eben eine mit Zurückhaltung. „Ganz nüchtern wird’s trotzdem nicht abgehen“, so Andreas Baingo, der dann auch Unions Teammanager Christan Beeck zitierte: Aufstiegs-T-Shirts seien vorbereitet und Bierduschen werde es geben, doch „schielen wir aber mit einem Auge schon auf das Spiel gegen unseren Erzfeind.“ Gegen den BFC Dynamo wolle die Mannschaft sich keine Blöße geben, und „die offizielle Fete steigt dann am 28. Mai gegen Neustrelitz.“
Im Union-Stadionmagazin-Vorwort freute der Klub-Verantwortliche für Eintrittskartenverkauf und für das Mitgliederwesen Björn Schmadtke sich, „der ‚Betriebsunfall‘ Oberliga ist so gut wie korrigiert“ und „der letzte nötige Zähler“ werde ganz bestimmt eingefahren. Und er verwies auf bereits jetzt stolze Zahlen für Viertligaverhältnisse, so „auf einen Zuschauerschnitt von weit über 5000 Besuchern inklusive 1000 Dauerkarten“. Es betrage „die Saison-Gesamtsumme nunmehr 78418 – Wahnsinn!“ Und Stolz sei ebenso angebracht angesichts der Mitgliederanzahl, „die sich nach wie vor um die 4000 Vereinsmitglieder bewegt.“
Am folgenden Tag meldete die „Berliner Morgenpost“, „der 1. FC Union ist definitiv aufgestiegen.“ Durch den 3:1-Sieg während des gleichzeitigen 2:2-Remis zwischen Babelsberg und Türkiyemspor „kann Union nicht mehr von Platz eins verdrängt werden.“ Union war „in einer mäßigen ersten Hälfte“ durch David Bergners 1:0-Kopfballtreffer in der 18. Spielminute in Führung gegangen, bevor in der 69. Minute Karim Benyamina zum 2:0-Zwischenstand traf und der Stürmer auch in der 80. Minute den dritten der Union-Treffer erzielte. Für den „Berliner Kurier“ schrieb Mathias Bunkus von „den tapferen Gästen“, denen durch Steffen Senf in der Schlussminute noch der Ehrentreffer gelungen sei. „Und nach dem Abpfiff brachen alle Dämme.“ – so hatte der Reporter seinen Text eingeleitet, dann auf schwungvollen Spielauftakt der Unioner verwiesen – „brannten die Eisernen in der Anfangsviertelstunde ein Feuerwerk ab, das dem nach der Partie feierlich entzündeten ebenbürtig war.“ Und in seinem Text auch seine Gratulation zum Aufstieg, zur Rückkehr in die Regionalliga vermerkt: „Glückwunsch, Eisern!“ Am folgenden Tag widmete er sich den Feierlichkeiten, „Trink- und stimmfest bis in die Morgenstunden“, denn das „Jahr der Schmach“ wäre aus den Klub-Annalen gestrichen. Bis „in den frühen Morgen in einer Charlottenburger (!) Diskothek ausgedehnt“ habe das Team gefeiert. Ein Foto dazu zeigte Torsten Mattuschka, noch im Stadion, mit einem bereits mehr als halb geleerten Riesen-Bierglas, und weitere Aufnahmen belegten einen fröhlichen Platzsturm der Fans. „Der Tagesspiegel“-Autor Matthias Koch hatte derweil auch Christian Schreier beobachtet und hielt fest, der Trainer „rannte am Mittelkreis der Alten Försterei wie um sein Leben.“ Einer Bierdusche Daniel Teixeiras „aus einem gigantischen Glas“ aber habe er nicht entkommen können, Texas selbst „freute sich wie ein Kind über den Aufstieg in die Regionalliga.“
Für Aufsehen sorgte die anschließende Begegnung beim Berliner FC Dynamo. Der „Berliner Kurier“-Reporter Mathias Bunkus berichtete vorab, Dynamo träume von Wiedergutmachung fürs Hinspiel, „0:8! Muss man mehr sagen?“ Von Michael Hilscher erfuhren am Spieltag die Leser der „Berliner Morgenpost“, dass Union „die restlichen drei Spiele in der Fußball-Oberliga eigentlich zum lockeren Schaulaufen“ nutzen könnte, aber auch von Unruhe, denn die „Vorzeichen für ein Fußballfest sind aber denkbar schlecht.“ Beobachter, so der Journalist, „befürchten gewaltsame Übergriffe beider Anhängerschaften.“ Sein „Berliner-Kurier“-Kollege Mathias Bunkus betitelte seinen Bericht am folgenden Tag „Verfluchte Idioten“, und „Hooligans erzwingen Spielabbruch beim Derby“, er zählte „ein packendes Derby“ beider Mannschaften, ein „Sportforum im Chaos!, Jagdszenen, Prügeleien, Verletzte“ auf, und den Abbruch des Spiels in der 77. Minute auf. Der BFC war mit Tomasz Suwarys 1:0-Führungstreffer in die Halbzeitpause gegangen, Daniel Teixeira glich in der 75. Spielminute aus. André Görke schrieb im „Tagesspiegel“ von „300 BFC-Hooligans“ auf dem Spielfeld, „wüsten Schlägereien“, Steinwürfen auf Polizisten, „33 Hooligans wurden festgenommen und fünf Personen verletzt“.
Die „Berliner-Kurier“-Tabelle zeigte indessen Union auf dem zweiten Tabellenplatz hinter Neuruppin, wegen des 4:0-Sieges über Greif Torgelow, während Union wegen des Spielabbruches formal eine Begegnung weniger ausgetragen hatte. Die Sportgerichtsverhandlung des NOFV entschied eine 2:0-Sieg-Wertung für den 1. FC Union Berlin.
Das vorletzte Oberliga-Treffen trug Union bei der II. Mannschaft des FC Hansa Rostock aus. Von Daniel Teixeiras dortigem 1:0-Treffer und von Zafer Yelens Ausgleich zum Endstand erfuhren die Union-Anhänger im Stadionmagazin zum saisonabschließenden Heimspiel gegen die TSG Neustrelitz. Die PROGRAMMierer-Redaktion schrieb in der Spielrückblick-Rubrik: „Außergewöhnliches gibt’s nicht zu berichten vom letzten Oberliga-Trip“, mit dem Punktgewinn habe Union „die beste Auswärtsbilanz der Liga“ verteidigt. Im Statistik-Teil führte sie also hierzu 28 Punkte, 31:13 Torerfolge, acht Siege, vier Unentschieden und drei Niederlagen im Rahmen der 15 Begegnungen auf. Mathias Bunkus meldete im „Kurier“-Bericht vom TSG-Spiel, 6.043 Fans „feierten Helden, die zum Abschluss drei Treffer hinlegten: Karim Benyamina (7.), Torsten Mattuschka (13.) und Jörg Heinrich (84.).“ Matthias Wolf nutzte „Die Tageszeitung“ für den kurzen Blick auf das Spiel und eine weiter gefasste Saisonbilanz unter der Überschrift „Abschied von der Bauernliga“. „Der Tagesspiegel“ druckte Matthias Kochs kurze 2005/06-Bilanz, in der er einen „rundum“ zufriedenen Union-Präsidenten Dirk Zingler feststellte und ihn zitierte, „alle unsere Ziele“ seien erreicht worden. „Wir wollten Meister werden und aufsteigen. Das wurde realisiert.“
Die Trainer Frank Lieberam, Georgi Wassilew und Christian Schreier setzten in den Punktspielbegegnungen die Torhüter Jan Glinker und Michael Hinz, die Verteidiger Tom Persich, David Bergner, Sebastian Creutzberg, Steven Ruprecht, Daniel Schulz, Benjamin Koch und Tobias Döge, die Mittelfeldspieler Ingo Wunderlich, Jörg Heinrich, Jörg Schwanke, Torsten Mattuschka, Sven Ehrke, Guido Spork, Sebastian Bönig, Frank Kaiser, Markus Mätschke und Nart Kovulmatz sowie die Angreifer Jack Grubert, Salvatore Rogoli, Yuzuru Okuyama, Tobias Kurbjuweit, Lubomir Guentchev, Roman Prokoph, Daniel Teixeira und Karim Benyamina ein. Daniel Teixeira wurde mit 24 Treffern Torschützenkönig der NOFV-Oberliga.